zum Inhalt
Logo: Diakonie Schleswig-Holstein
Logo: diakonie.net | Stiftung Hamburger Arbeiter-Kolonie <br /><br /> Schäferhof
 
 

Sie sind hier:

Winfried Uhrig Grußwort Schäferhof 1.12.2011

Sehr geehrte Anwesende!

ich überbringe Ihnen die Grüße und Glückwünsche der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe an die Stiftung Hamburger Arbeiterkolonie. Unser Respekt gilt einer Organisation, die 120 Jahre ihrem Ziel, in Armut geratene Menschen zu unterstützen, treu geblieben ist. Dabei aber – und das ist das Entscheidende – nicht in ihrer Tradition erstarrte und an dem Überkommenen festklebte, sondern ihre Hilfeangebote kritisch überprüfte und den Bedarfen der Klienten anpasste.

Das damalige Konzept der Arbeiterkolonien – nämlich fern der Städte auf dem flachen Land Unterkunft und Versorgung gegen Arbeit anzubieten - mag ja in der Gründungszeit noch nachvollziehbar gewesen sein. Aber spätestens Ende der 60er Jahre hatte es seine Berechtigung verloren. Das sich wandelnde Hilfeverständnis und die Erkenntnis, dass die Wohnungslosenhilfe sich differenzieren und spezialisieren muss, stellte die durchweg stationär organisierte Hilfe in Frage. Die ländliche Lage der Arbeiterkolonien erwies sich so als Standortnachteil.

Hier auf dem Schäferhof ist es nun in den letzten Jahrzehnten gelungen, diesen Standortnachteil durch konzeptionelle und organisatorische Veränderungen in einen Vorteil zu verwandeln. Modernisierung der Einrichtungen, Konzentration auf definierte Zielgruppen, Vernetzung mit andern Hilfeanbietern der Region und Öffnung zum Sozialraum waren der Weg hierzu. Ich konnte mich heute Nachmittag bei einer Führung durch
Einrichtungen und Gelände von der vorbildlichen Arbeit, die hier geleistet wird überzeugen.

Bei dieser Gelegenheit ist es mir aber auch ein großes Bedürfnis ihrem Geschäftsführenden Vorstand Rainer Adomat ein herzliches Dankeschön für seine engagierte und qualifizierte Mitarbeit in der Bundesarbeitsgemeinschaft
Wohnungslosenhilfe zu sagen. Seit Jahren leistet er einen unschätzbaren Beitrag im Fachausschuss Arbeit, er ist im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft
Stationäre Einrichtungen und Werkstätten und er ist derjenige, der die für die Praxis so wichtigen Tagungen für die Arbeitsanleiter regelmäßig organisiert. Vielen Dank Rainer!

Meine Damen und Herren, laut ihrer Satzung - ich zitiere aus §3 Abs. 4 - „sieht die Stiftung ihren Sinn darin, auf die gesellschaftlichen Ursachen der individuellen Notlagen hinzuweisen und an der Beseitigung dieser Ursachen
mitzuwirken.“ Dies ist gegenwärtig auch außerordentlich vonnöten: es gilt gegen staatlich organisierte Ausgrenzung Armer einzutreten.

Als ein Beispiel nenne ich hier die drastische Reduzierung der Förderung der Arbeitsgelegenheiten im SGB II - zynisch als „Instrumentenreform“ bezeichnet. Sie entzieht zahlreichen niedrigschwelligen Angeboten der Arbeitsförderung für benachteiligte Menschen die finanzielle Grundlage. Damit nimmt sie vielen Betroffenen die Chancen, via Tagesstruktur und individuell zugeschnittener Anforderungen, wenigstens die Teilhabe an dem zweiten Arbeitsmarkt zu erwerben. Diese „Reform“ ist ein Ausfluss des kalten neoliberalen Denkens, wonach es sich nicht rentiert, in Menschen zu investieren, die keine Aussicht auf wirtschaftliche Verwertung ihrer Arbeitskraft
bieten.

Gegen dieses Menschenbild, das den Menschen auf einen volkswirtschaftlichen Faktor reduziert und ihn damit seiner Würde beraubt, hat die Stiftung Hamburger Arbeiterkolonie schon immer Stellung bezogen und in der Praxis des Schäferhofes segensreich dagegen gewirkt. Ich wünsche der Stiftung und dem Schäferhof in diesem Sinne weiterhin viel Erfolg!

Pröpstin em. Dr. Monika Schwinge - Ansprache im Rahmen der Andacht zum 120jährigen Jubiläum der Hamburger Arbeiterkolonie

Liebe Jubiläumsgemeinde!
Es ist besonders schön, dass wir das 120jährige Jubiläum der Hamburger Arbeiterkolonie im Advent feiern. „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit,“ so singen wir in diesen Tagen wieder zu gerne, ebenso „O Heiland, reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf, reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab, wo Schloß und Riegel für.“ Im Advent, da wünschen alljährlich die
Menschen, dass Türen aufgehen, dass Barmherzigkeit, Güte und Freundlichkeit einziehen und Lebensräume schaffen und erfüllen.

Die Gründung der Hamburger Arbeiterkolonie am 1. Dezember 1891 war ein in Wahrheit adventliches Ereignis. Da taten sich Herzen, Köpfe und Türen auf, es wurde in Hamburg Raum für arbeits - und obdachlose Männer geschaffen, in dem sie beherbergt, gekleidet, versorgt und beschäftigt wurden, so lange, bis sich für sie wieder neue Lebensmöglichkeiten ergaben.
„Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe in dein Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“ Dieser Ruf aus Jes.58, der durch den Propheten, Tritojesaja genannt, im späten 6. Jh. v. Chr. im Namen Gottes an
sein Volk Israel ergeht, dieser Ruf war es, den die Gründer der Kolonie im Kopf und im Herzen hatten und der auch heute noch über der Satzung unserer Stiftung steht. Die Kolonie, die Arbeit, die darin geschah, hat in den 120 Jahren viele Veränderungen und Entwicklungen erfahren: Die Orte
der Häuser wechselten, die Strukturen und Arbeitsweisen wandelten sich, Mitarbeitende und Leitende wechselten einander ab; die Menschen, die hierher kamen und Hilfe für Leib und Seele suchten, kamen mit ihrer je eigenen Geschichte, die auch immer etwas von der Zeitgeschichte spiegelten. Aber durchgängig war und ist dies geblieben und erfahrbar: die offenen Türen für die, die, aus welchen Gründen auch immer, ihren Lebensraum verloren haben, denen es fehlt an Nahrung, Kleidung, an einem Zuhause, an Arbeit, an Selbstvertrauen und Gemeinschaft. Wie viele sind es, die in die Räume der Kolonie in Hamburg und seit 1898 auch hier auf dem
Schäferhof einziehen konnten, die erlebten, wie ihnen hier Achtung, Zuwendung, Hilfe, Begleitung und Förderung zuteil wurde, wie sie hier in gemeinschaftliches Leben hineingenommen wurden für kurze oder längere Zeit. Wie viele sind es, denen hier ein adventliches Licht aufging, nicht nur im
Advent. Nicht alles wurde und wird hier für sie gut. Die Narben und Wunden der Lebensgeschichte verschwinden so einfach nicht; sie bleiben, zeigen sich und schmerzen immer wieder unterschiedlich stark. Aber ein Lebensraum, in dem menschliches und gemeinschaftliches Leben möglich ist, hat sich ihnen aufgetan; ein Raum für Lachen und Weinen, für das Erkennen von
eigenen Stärken und Schwächen, für Konflikte und Lösungen, für Arbeiten und Feiern.

Aber nicht allein auf diejenigen, die hier seit 120 Jahren Lebensraum suchen und finden, fällt Licht. Auch auf alle, die in diesem Zeitraum hier gearbeitet haben und arbeiten in der Begleitung und Beratung, in der Küche, im Reinigungsdienst, im Büro und in der Leitung, auf alle, die die Arbeit der Hamburger Arbeiterkolonie ideell und finanziell, durch vertragliche Vereinbarungen unterstützten und unterstützen, auf sie alle fällt Licht. Es fällt Licht auf sie, nicht weil sie besondere Gutmenschen sind, sondern vor allem deswegen: Sie geben Zeugnis von dem, was menschliches und gemeinschaftliches Leben wesentlich ausmacht und ihm Glanz verleiht, nämlich das einander Raum und Teilhabe am Leben und seinen Möglichkeiten gewähren. Auf den Vers bei Jesaja „Brich dem Hungrigen dein Brot...“ hin verheißt der Prophet im folgenden Vers seinem Volk im Namen Gottes dies: Dann also, wenn du das tust, wenn du dem Notleidenden teilgibst an deinem Leben, „dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zuge beschließen.“ In der Tat, es wird hell unter uns und in unserer Gesellschaft, es wirkt sich überaus heilsam aus: wenn viele Einzelne persönlich, wenn Verantwortliche in kirchlichen, politischen und anderen
religiösen und säkularen Institutionen Räume auftun und erhalten für all diejenigen, die dringend Lebensraum, Anerkennung, Begleitung und Gemeinschaft brauchen; wenn dies geschieht nicht von
oben herab und mit Gönnerhaltung, sondern deshalb, weil wir als Menschen allesamt wissen, wie schnell wir uns selbst, andere, Hab und Gut und unser Leben verlieren können. Als Christen singen und künden wir im Advent davon: Gott selbst hat in Jesus Christus mit seiner Barmherzigkeit, Güte und Freundlichkeit unter uns Wohnung genommen. Er steht ohne Wenn und Aber dafür und wirkt durch die Zeiten hindurch, auch durch uns, darauf hin: dass Güte, Barmherzigkeit, Freundlichkeit Sinne, Herzen, Vernunft, Hände, Türen öffnen, dass dadurch Licht hervorbricht wie die Morgenröte und Heilung voranschreitet und immer wieder etwas von der Herrlichkeit des Gottes, der die Liebe ist, aufleuchtet. So möge es weiterhin geschehen und in
reichem Maß erfahrbar sein hier auf dem Schäferhof und an vielen Orten nah und fern. Amen.

Gebet:

Guter Gott, wir feiern Advent, wir feiern es, dass 120 Jahre in der Hamburger
Arbeiterkolonie durch Menschlichkeit und Güte Herzen und Türen aufgingen für so viele Menschen,die dringend der Zuwendung, Hilfe und eines Zuhauses bedurften. Wir danken dir für alles, was ihnen an Gutem hier zuteil wurde und was ihr Leben erhellte. Wir danken dir für alle, die hier Dienst taten und tun in allen Bereichen, für alle, die die Arbeit der Arbeiterkolonie unterstützten und unterstützen und die Verantwortung für diese Stiftung übernehmen.
Wir bitten dich, dass dieser Ort bleibt, was er ist, ein Lichtblick für die Menschen, die hier Hilfe, Lebensraum und Lebensmöglichkeiten suchen, und dazu ein Lichtblick für unsere Gesellschaft. Segne dieses Haus und alle, die hier leben und arbeiten. Lass dein Angesicht über ihnen und uns allen leuchten, schenke ihnen und uns allen Frieden. Amen.

Gerechte Teilhabe gestalten- Armenfürsorge zwischen Sozialpolitik und social Entrepreneurship

1. Der Obdachlosenchor
Keine Musikgruppe hat bei unserer ökumenischen Tagung zum ehrenamtlichen Engagement so viel Begeisterung ausgelöst wie der der Kölner Obdachlosenchor. Vielleicht 8 oder 10 Männer waren gekommen- zusammen mit ihrem witzigen und professionellen italienischen Dirigenten. Sie sangen Popsongs und Spirituals mit Leidenschaft und Hingabe. Sie hatten keine Angst, die Bühne einzunehmen, ihren Platz zu behaupten. Das war keine Gruppe von Hilfebedürftigen, die da gekommen war, keine Randgruppe der Gesellschaft – es waren Männer, die es geschafft hatten, zu sich selbst und zu ihren Erfahrungen zu stehen. Jeder spürte: dieser Chor hatte Respekt verdient – und keiner scheute sich, die Refrains mitzusingen. Der Auftritt endete mit Standing Ovations.

Eine Fernsehreportage über den Berliner Obdachlosenchor, der sich bis in eine der beliebten Samstag-Abendshows gesungen hat, erzählt die Hintergrundgeschichte : von dem Dirigenten, der Menschen auf der Straße anspricht und sie einlädt, die eigene Stimme zu entdecken. Von den jungen Frauen, den Männern, die sich tatsächlich trauten, zur ersten Probe zu kommen. Von den zaghaften Versuchen, sich einzubringen in einen Chor. Den Erinnerungen an Kindheit und Jugend, die in den Liedern mitschwingen. Von Sentimentalität, Enttäuschung und Wut, die fast jedem auf dieser
Entdeckungsreise zu schaffen machen. Wie Chormitglieder plötzlich weg bleiben, weil sie keine Kraft haben, sich zu stellen. Wir sehen Rückfälle in Verzweiflung und Alkoholexzesse. Chormitglieder, die ihre Freunde im Krankenhaus besuchen. Die Augenblicke, in denen Familienmitglieder zum ersten Auftritt eingeladen werden. Angst und Versöhnung. Wer innerlich mitgeht, begreift, wie viel Mühe es macht, immer wieder aufzustehen, aus dem Tief herauszukommen – wie viele Kämpfe um frische Wäsche und ordentliche Kleidung, einen Haarschnitt und eine Zahnbehandlung, wie viele Verhandlungen über Schulden, wie viele Gespräche mit dem Jobcenter. Und wie wichtig dabei ein schöner Ort ist, wo man sich trifft, Zeit zum Wachsen und zur Auseinandersetzung, eine Atmosphäre der Annahme.

Nach und nach begreift man die Chorarbeit als Therapie. Das Singen als einen Weg, nicht nur die eigene Stimme zu finden, zu dem eigenen Leben zu stehen, sondern auch auf andere zu hören, aufeinander zu achten. Und ich erinnere mich an einen Musik-Workshop, in dem wir gemeinsam mit einer Jazz-Sängerin die eigene Stimme erprobt haben. Ich weiß noch, wie wir uns unsere Geschichten erzählten und konnten am Ende gar nicht aufhören konnten, zusammen zu singen. Noch heute gibt es ein Lied, das mich an diesen Abend erinnert: Es ist das Lied: „ You’ve got a friend. „ Winter, spring, summer and fall – all you have to do is call – and I’ll be there..“

2. Politik für Menschenwürde
„Mir haben die richtigen Menschen im richtigen Moment den nötigen Schubs
gegeben“, sagt Friedrich, den die Journalistin Katrin Panier für das Buch „ Die
dritten Haut“ interviewt hat. „Ich bin von den verschiedenen Stellen, wo ich Hilfe gefunden habe, so aufgebaut worden, dass ich einen Teil meiner Lebensenergie wiedergefunden habe. Dass ich wieder in der Lage bin, eigene Entscheidungen zu treffen – das ist nicht selbstverständlich. Ich kann meine Finanzen selbstverwalten, ich regle meinen Tagesablauf für mich ganz allein. Ich kann mich im Haus nützlich machen. Alles kleine Schritte bis hin zu der Überzeugung: „ Jetzt bin ich wieder jemand. Ich kann anderen Menschen wieder in die Augen gucken.“1

Die amerikanische Philosophin Martha Nussbaum hat beschrieben, was es
bedeutet, jemand zu sein. Ein Mensch auf Augenhöhe mit anderen. Ein Mensch, der sich seiner Würde bewusst ist. Sie entwickelt ihre Theorie der Gerechtigkeit vom Capability –Ansatz aus.2 Der Dreh- und Angelpunkt sind die Fähigkeiten, mit denen sich unser Selbstbewusstsein und unsere Würde verbinden. Für Martha Nussbaum gehören dazu:

1 Katrin Panier, Die dritte Haut, Geschichten von Wohnungslosigkeit in Deutschland, S.135

2 Martha C. Nussbaum: die Grenzen der Gercechtigkeit

  • Die Fähigkeit, auf die eigene Gesundheit zu achten, für sich selbst sorgen zu können. Dazu brauchen wir ausreichend Mittel und eine angemessene Unterkunft. Wohnungslose, die über keine Küche verfügen, haben es da schwer.
  • Die Fähigkeit, sich frei von einem Ort zum anderen zu bewegen- dazu brauchen wir Schutz vor Gewalt und sexuellen Übergriffen. Frauen, die auf der Straße leben oder bei wechselnden Freunden unterkommen, haben es da schwer.
  • Die Fähigkeit, das eigene Denken zu entwickeln, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, wie Kant gesagt hat – dazu brauchen wir Bildung und Ausbildung. Und die Kinder der Armen haben es nachweislich schwerer.
  • Die Fähigkeit, Bindungen aufzubauen, zu Menschen und zu Dingen- zu lieben, zu trauern, Dankbarkeit und Zorn zu empfinden. Dazu brauchen wir eine Gemeinschaft, die Geborgenheit schenkt.

Das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe gehört zu den zentralenmenschlichen Fähigkeiten, genauso wie Anteilnahme an Tieren und Pflanzen zu spüren und sich politisch einbringen zu können. Das alles brauchen wir, um Selbstachtung zu empfinden- und die Aufzählung macht deutlich, in welchem Maße wir darauf angewiesen sind, in einer menschlichen Umgebung zu leben, um selbstbewusste Menschen zu werden. Menschenwürde und Menschenrechte gehören zusammen. Vom Fähigkeitenansatz her wird erkennbar: das Recht auf körperliche Unversehrtheit, auf ein sozial-ökonomisches Existenzminimum, das Recht auf Wohnung und Bildung zum Beispiel sind notwendige Rahmenbedingungen für eine Entwicklung zur Selbstachtung. Eine gerechte Gesellschaft ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass Menschen sich auf Augenhöhe begegnen können: frei, gleich und unabhängig.

Der Titel des eben zitierten Buches „ Die dritte Haut“ erinnert daran, dass wir
Menschen auf Kleidung und Wohnung angewiesen sind. Tatsächlich brauchen wir aber noch mehr Häute und Hüllen, um wir selbst zu werden und selbstbestimmt zu leben: Schulen und Bildungseinrichtungen, Arbeitsplätze und eine Gemeinschaft, zu der wir gehören. Selbst wenn wir uns als hochgradig selbstbestimmt erleben- wir sind und bleiben zeitlebens angewiesen auf andere Menschen, auf Organisationen und Institutionen. Wer Gerechtigkeit schaffen will, braucht ein klares Bewusstsein dieser Angewiesenheiten- und auch der Beeinträchtigungen, die Menschen erleiden, wenn ihnen der Zugang verwehrt wird. Zur Gerechtigkeit gehört es auch, .die Lebens- und Arbeitsleistung von Menschen anzuerkennen, auch wenn sie sich in ökonomischen Kategorien nicht rechnen. Wo das nicht geschieht, wo die Zugänge zu Wohnen und Arbeit. zu Bildungseinrichtungen und Gesundheitsfürsorge eingeschränkt ist, wo es an Menschenrechten fehlt, leidet die Menschenwürde schaden. Mangelnde Teilhabe überfordert und schwächt unsere eigenen Kräfte und lässt unsere Fähigkeiten erlahmen - bis hin zur Selbstaufgabe.

Martin Schenk, der sich bei der Diakonie Österreich mit Armutspolitik beschäftigt, hat das Konzept der Lebensmittelpunkte entwickelt, um die Verbindung zwischen Befähigungs- und Verteilungsgerechtigkeit dazustellen. Er stellt uns das Bild eines Apfelbaums vor Augen. Um die Früchte zu ernten, braucht es dreierlei: einen offenen Zugang – der Baum darf nicht durch Zäune abgesperrt sein. Leiter und Korb, um hinaufklettern zu können. Und schließlich die nötige Kraft und Geschicklichkeit. Wo die Instrumente zum Zugang fehlen, da werden die eigenen Kräfte bis zur Erschöpfung gefordert. Und wo immer mehr Gemeingüter privatisiert werden, da wird es für ganz Bevölkerungsgruppen schwer, noch zu ernten.

3. Utopie einer Stadt : Teilhabe, Zugangsvoraussetzungen und Öffentliche
Güter
Der Schauspieler Christoph Maria Herbst wurde kürzlich nach der idealen Stadt gefragt. Da gäbe es keine zu hohen Mieten, keine Obdachlosigkeit und keine Drogendealer, sagte er, aber auch keine Staus und vor allem Bäume. So aber sehen unsere Städte nicht aus.

3.1. Privatisierung, Wettbewerb und die Wohnungssituation
Am Beispiel der Hamburger Hafencity erzählte die Frankfurter Allgemeine
Sonntagszeitung letzten Sonntag von der Privatisierung und Ökonomisierung
unserer Städte. 36.000 Quadratmeter Bürofläche stehen in der Hafencity leer- und bis Ende des Jahres sollten weitere 400.000 Quadratmeter in Hamburg hinzukommen- das Überangebot drückt auf die Preise. Inzwischen soll die Hamburger Wirtschaftsbehörde in die Hafencity ziehen, um die Büroflüchen der Stadt zu nutzen. „Es ist also nicht so, dass die globale Ökonomie der öffentlichen Hand Geld in die Kassen spürt- sondern die öffentliche Hand alimentiert das Bild einer florierenden Wirtschaft- um den Preis, dass der öffentliche Raum verödet. Wir alle kennen die verarmten Kommunen, in denen Theater, Museen und Schwimmbäder geschlossen und Brunnen abgestellt werden, wo der Zugang zu Seen und Parks privatisiert – genauso wie der Öffentliche Nahverkehr oder die städtischen Krankenhäuser.

Zwischen den Stadtvierteln der Großstädte wächst die Segregation. Auch Hamburg ist inzwischen eine gespaltene Stadt. Inzwischen lässt sich auf Karten verfolgen, wie sie Reichtums- und Armutsquartiere voneinander abgrenzen, aber auch verändern. Stadtteile, die gestern noch Randquartiere waren, werden morgen gentrifiziert und hip – nicht nur die mobile Mittelschicht verändert damit ihren Kontext, auch Hartz- IVEmpfänger werden zur Mobilität gezwungen. Neue Armutsquartiere entstehen, Stadtteile, aus denen die Mittelschicht flieht. Wer hier aufwächst, hat geringe Chancen auf einen Schulabschluss, auf Mitgliedschaft in einem Sportverein – daran ändern auch die Bildungsgutscheine nichts.

Die mobile Mittelschichte zieht sich indes an die Ränder der Städte zurück. Von einer kollektiven Flucht in die Privatsphäre spricht die FAZ vom letzten Sonntag. Romantische Wohlfühlwelten werden gesucht, Cocooning ist Trend- und der private Konsum in den Einkaufszentren wird zum Ersatztreffpunkt, wo die Innenstädte veröden. Armut am Rande der Städte oder gar auf dem Land ist allerdings keinesfalls leichter. Gerade da, wo das eigene Haus zum Status der Familie gehört, wo man einander seit Jahren und Jahrzehnten kennt, die Netze dicht ist, tut es besonders weh, nicht mehr dazu zu gehören. Verschämte Armut ist keinesfalls verschwundenes gibt sie vor allem auf dem Lande. 3 Wo die Menschen gut verwurzelt sind und trotzdem mobil sein müssen. Wenn das Geld zu beidem fehlt, ist es doppelt schlimm.

Nach 10 Jahren rückläufiger Entwicklung steigt inzwischen die Zahl der wohnungslosen Menschen wieder deutlich an. Sie stieg von 227.000 Menschen im Jahr 2008 auf 270.000 im Jahr 2010. Dazu sind weitere 106.000 Menschen von Wohnungslosigkeit bedroht. Und die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe prognostiziert bis 2015 einen weiteren Anstieg um 10 – 15 Prozent. Dass viele Städte ihren Wohnungsbestand privatisiert haben, spielt dabei eine entscheidende Rolle. Mancher Bürgermeister begreift erst jetzt, dass damit die Spielräume für politische Gestaltung eingeengt sind.

3 SI-Untersuchung "Armut auf dem Lande" zum europäischen Jahr gegen Armut und Ausgrenzung

4. Gerechte Teilhabe
Vor nunmehr 13 Jahren erschien das ökumenische „ Wirtschafts- und Sozialwort“ der Kirchen, das wie keine andere kirchliche Stellungnahme zuvor und danach Ergebnis eines breiten Beteiligungsprozesses in Gemeinden, Verbänden und Politik war. Darin hießt es: „ In der vorrangigen Option für die Armen als Leitmotiv gesellschaftlichen Handelns konkretisiert sich die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe. In der Perspektive einer christlichen Ethik muss darum alles Handeln und Entscheiden in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft an der Frage gemessen werden, inwiefern es die Armen betrifft, ihnen nutzt und sie zum eigenverantwortlichen Handeln befähigt.
Dabei zielt die biblische Option für die Armen darauf, Ausgrenzungen zu überwinden und alle am gesellschaftlichen Prozess zu beteiligten. (.)Sie verpflichtet die Wohlhabenden zum Teilen und zu wirkungsvollen Allianzen der Solidarität“.

Angesichts der politischen Entwicklung der letzten 13 Jahre, die durch die Abkoppelung der Finanzwirtschaft von der Realwirtschaft, Wettbewerb und Privatisierung auf dem Sozialmarkt und die Hartz-Gesetze bestimmt war, wird das Sozialwort heute mit Stolz und Traurigkeit tradiert. Einige Kritiker werfen den Kirchen vor, die so genannte neo-liberale Wende mit den dann folgenden Denkschriften und Texten der letzten 10 Jahre mit gestaltet oder jedenfalls mit getragen zu haben. Ich bin eher der Auffassung, dass das Sozialwort am Ende einer noch durch die deutsche Teilung geprägten wohlfahrtsstaatlichen Phase stand und im Blick auf die stärker werdenden Einflüsse des europäischen Arbeitsmarktmodells, des demographischen Wandels und der Globalisierung wichtige Orientierungsmarken gesetzt hat. Es ist an der Zeit, Schritte in Richtung einer neuen, ökumenischen Sozialinitiative zu tun- und wir versuchen das auch.

Die EKD-Denkschrift „ Gerechte Teilhabe – Befähigung zu Eigenverantwortung und Solidarität“ hat diese Ausrichtung aufgenommen. Sie entfaltet ihr
Gerechtigkeitsverständnis auf der Basis der Beteiligungsgerechtigkeit. Sie beziehen aufeinander, was häufig gegeneinander ausgespielt wird– nämlich
Verteilungsgerechtigkeit, hier mit dem Stichwort „ Solidarität“ beschrieben, und Befähigungsgerechtigkeit. die die Eigenverantwortung stärken will.
Teilhabegerechtigkeit zielt auf eine möglichst umfassende Inklusion aller Mitglieder der Gesellschaft und die Eröffnung von Zugängen zu Bildung, Gesundheit, Arbeitsmarkt.

Armut und Reichtum sind nicht nur monetär zu beschreiben; das hat erstmals der letzte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung festgestellt. Gerade in Deutschland werden die Teilhabechancen in hohem Maße mit der sozialen Zugehörigkeit vererbt. Je geringer aber die Bildungsabschlüsse, desto schlechter die Position auf dem Arbeitsmarkt. Trotzdem verlassen im Bundesdurchschnitt acht bis zehn Prozent aller Schulabgänger die Schule ohne Schulabschluss. Und ungefähr fünfzehn Prozent aller Jugendlichen bleiben ohne Ausbildung. Weit über eine Million Jugendliche zwischen 20 und 29 Jahren haben keine abgeschlossene Berufsausbildung. Viele davon arbeiten im Niedriglohnbereich. Ein Blick in die Statistik zeigt nämlich auch umgekehrt: 64 Prozent alle Sozialhilfeempfänger haben keinen Schulabschluss oder sind Hauptschulabgänger. Und es ist klar: wie sich ein niedriger Bildungsstatus in Armut ausdrückt, so schlagen sich umgekehrt prekäre Lebensbedingungen im Bildungsstatus nieder.

„Wir reden von Millionen von Ausgeschlossenen, die einen Keil durch unsere Gesellschaft treiben“, schreibt Heinz Bude. „Kinder, die in Verhältnissen aufwachsen, wo es für keinen Zoobesuch, Musikunterricht oder für Fußballschuhe reicht, junge Leute, die sich mit Gelegenheitsjobs zufrieden geben müssen, Männer und Frauen, die freigesetzt worden sind, Minijobber und Hartz-IV-Empfänger, denen es kaum zum Leben reicht.. Gemeinsam ist ihnen, dass sie die Überzeugung gewonnen haben, dass es auf sie nicht mehr ankommt.“ Das gilt gerade auch für junge Leute im Übergang zum Beruf in der es darum geht, selbständig zu werden, selbst Fuß zu fassen in der Gesellschaft. Die mangelnde Abstimmung von Bildungssystem, Jugendhilfe und Sozialsystem mit den Arbeitsmarktinstrumenten führt dazu, dass viel zu viele junge Leute genau an dieser Schwelle verlorengehen. Die Zahl der jugendlichen Wohnungslosen steigt seit Jahren sichtbar. Verlorene Kinder mit dem Gefühl: Ich werde nicht gebraucht.

4.1. Arbeitsmarktentwicklung
Die Zielvorgabe des SGB II, die Wiedereingliederung in bezahlte Arbeit, ist im Grundsatz richtig – genauso wie die Bündelung der unterschiedlichen Hilfesysteme und eine Betreuung, die darauf ausgerichtet ist, die Beschäftigungsfähigkeit zu schaffen oder zu erhalten. Allerdings muss man diesem Grundsatz sofort ein sozialpolitisches „Aber“ hinzufügen. Denn das Gesetz zur Verbesserung der Eingliederungschancen am Arbeitsmarkt“ („Instrumentenreform), mit dem der Bundestag die Rechtsgrundlagen der aktiven Arbeitsmarktpolitik optimieren möchte, bedarf aus Sicht der EKD dringend der Nachbesserung. iIn der jetzigen Fassung wird es dazu führen, dass am Arbeitsmarkt besonders benachteiligte Menschen gerade nicht die erforderliche Hilfe erhalten, sondern weiter ausgegrenzt werden. Denn die knappen Mittel sollen künftig auf Menschen konzentriert werden, die Chancen auf einen Arbeitsplatz am allgemeinen Arbeitsmarkt haben. Der Rückgang der Arbeitslosigkeit hat sich auf arbeitsmarktnahe und flexible Beschäftigungsverhältnisse konzentriert. Langzeitarbeitslose Personen mit
Suchtproblemen, behinderte Arbeitnehmer und andere so genannte Problemgruppen haben kaum profitiert.

Mit den Kürzungen im SGB II bei der Instrumentenreform in der Arbeitsmarktförderung wird die Entwicklung zur Ungleichheit in Deutschland verstärkt. Projekte für Langzeitarbeitslose mit Vermittlungshemmnissen sind gefährdet und zum Teil schon geschlossen worden. Die Rückführung des Eingliederungstitels , der Mittel für Qualifizierungs- und Beschäftigungsmaßnahmen und die Reduzierung der Verpflichtungsermächtigungen für Beschäftigungszuschüsse werden eine längerfristige Zusammenarbeit mit Unternehmen erschweren und in der Konsequenz dazu führen, dass nur noch kurzfristige Maßnahmen ermöglicht werden. Das verstärkt den schon bestehenden „Drehtüreffekt“, der wirkliche Integration unmöglich macht. Und die Deckelung der Arbeitsgelegenheiten sowie die Reduzierung der Mittel für sozialpädagogische Betreuung erschweren es erheblich, Kompetenzen, Selbstbewusstsein und Arbeitsmarktgerechtes Verhalten kontinuierlich aufzubauen. Diese Politik unterschätzt den stabilisierenden Charakter von Beschäftigungsmaßnahmen. Und auch die positiven Aspekte für das Gemeinwesen, die mit gemeinnütziger Arbeit verbunden waren.

Der Kern des Problems ist, dass die veröffentlichten Arbeitslosenzahlen und die Förderung nach dem SGB III der Maßstab der politischen Diskussion sind. Mit der Begründung sinkender Arbeitslosenzahlen werden die Förderung von Langzeitarbeitslosen und Arbeitsgelegenheiten zurückgenommen. Die Lasten dieser Politik aber fallen nicht nur auf den Bund, sondern auch auf die ohnehin finanzknappen Kommunen. So bringt die vielleicht nur kurzfristige Entspannung am Arbeitsmarkt paradoxerweise eine qualitative Verschärfung der Situation Langzeitarbeitsloser mit sich. Dabei wäre gerade angesichts des Aufschwungs mehr Solidarität gefordert. Statt Sanktionen zu verschärfen, wie es vor allem bei Jugendlichen ohne Erfolg geschieht, wäre es notwendig, endlich Anreiz- und Aktivitätsbezogen zu denken. „Ich würde so gern noch was lernen“, sagt Ramona Fries, die an einem
Haushaltsführungskurs für Menschen mit geringem Einkommen teilgenommen hat.

„Ich kann mich doch nicht bis zur Rente mit Aushilfsjobs durchs Leben hangeln. Man möchte doch auch sagen: „ Ich habe“ und ich kann“. Jeder und jede muss die eigenen Fähigkeiten entwickeln. Sich ernähren und die eigene Wohnung gestalten gehört genauso dazu wie die Sorge für die eigene Gesundheit. Aber auch da droht eine Entsolidarisierung in den Rahmenbedingungen.

4.2. Gesundheitsversorgung
Zwar zahlt die GKV seit Einführung des SBG II für alle Erwerbsfähigen. Für
diejenigen aber, die einmal aus dem System herausgefallen sind, ist es schwer, wieder hinein zu kommen. Hinzu kommt: GKV-Finanzierungsgesetz, das zum 1. Januar dieses Jahres in Kraft trat, hat das Prinzip der Solidarität in den Sozialversicherungssystemen weiter ausgehöhlt. Die paritätische Finanzierung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, die schon in der letzten Gesundheitsreform unterminiert wurde, wird weiter zurückgefahren. Die Ergänzung der einkommensrelativen Beitragsfinanzierung in der Gesetzlichen Krankenversicherung durch einen im Prinzip nach oben hin offenen, einkommensunabhängigen Zusatzbeitrag ist der Einstieg in eine grundsätzliche Veränderung des Gesundheitswesens. Trotz der anteiligen Refinanzierung durch Steuern kommt es bei unterschiedlichen Beitragssätzen zur Einschränkung der Wahlfreiheit in der gesetzlichen Krankenversicherung. Dies betrifft insbesondere diejenigen, die von einer steuerfinanzierten Erstattung des Zusatzbeitrags abhängig sind. Sie erhalten in Zukunft eine Refinanzierung nur für den durchschnittlichen Betrag der Versicherungskosten. Und diejenigen, die als Geringverdiener ihren eigenen Unterhalt sichern, werden mit dem Zusatzbeitrag überproportional belastet.
Das gleiche gilt für Menschen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen. Die Eckpunkte zur Pflegeversicherung, die Minister Bahr vor kurzem vorgestellt hat, verstärken diese Tendenz. Ähnlich wie bei der Riester-Rente, die gerade den Beziehern kleiner Einkommen nichts nutzt, ist auch hier an eine Zusatzversicherung gedacht. Die Entwicklungen am Arbeitsmarkt und im Gesundheitssystem stehen im Widerspruch zum Leitbild einer solidarischen Gesellschaft.

5. Neues Leben im Quartier
Johann Hinrich Wichern beschrieb im 19.Jahrhundert „ Hamburgs wahres und
geheimes Volksleben“ - Unterernährung, Wohnungsnot, Bildungsarmut und Gewalt. Sein Buch erregte Aufsehen. Heute ist Armut ein öffentliches Thema - auch wenn nach wie vor über Zahlen und Statistiken gestritten wird: Dazu haben Kirchen und Wohlfahrtsverbände wesentlich beigetragen, in dem sie schon sehr früh Armuts- und Reichtumsberichte eingefordert haben. Noch immer allerdings fehlt eine bundeseinheitliche Wohnungsnotfall –Berichterstattung.

Und es bleibt die Frage, wie wir vom Wissen zum Tun kommen. Vielleicht können wir auch hier von Wichern lernen. Nach dem Brand in Hamburg 1842 entwickelte er ein Wohnungsbauprogramm, das er 1846 in einer kleinen Schrift so beschrieb: Er stellte sich eine Art Gehöft mit 150 und 200 Wohnungen vor. In ihrer Mitte eine Schule, eine Bibliothek, die dort Wohnenden organisieren sich in einem Kranken- und Begräbnisverein, um Menschen ohne Familienbeziehungen in Notlagen in ein solches „Familiengemeinwesen“ einzubinden. In der Organisation des Gemeinwesens sah Wichern sogar eine missionarische Strategie. In Konfrontation mit den gängigen kirchlichen Denkmustern betonte er, es gehe nicht nur darum, das
Wort Gottes zu predigen, sondern den „Schlüssel zu den Herzen wieder zu
entdecken“ “4 Er fand ihn in einer neuen Kultur des Miteinanders, die spürbar auf das Reich Gottes hin weist:

4 A.a.O.,321

Natürlich hatte Wichern eine andere Wirklichkeit im Blick als wir heute: ein
geschlossenes, christliches Gemeinwesen, eine Staatskirche, der diakonisches Handeln fehlte. Wir leben in einer säkularen und ökonomisierten Gesellschaft, in der Kirche und Diakonie nur noch eine Perspektive darstellen. Vielleicht ist es aber gerade deshalb die Ganzheitlichkeit in Wicherns Entwurf, die uns so fasziniert. Denn die moderne Wohnungslosigkeit ist eine Reaktion auf das Auseinanderfallen von
traditionellen sozialen Zusammenhängen und Lebensräumen, auf eine
gesellschaftliche Dynamik, die in großer Zahl Modernisierungsverlierer und
Abgehängte produziert.

Die Sozialreformer des 19. Jahrhunderts verknüpften Verkündigung mit einem beeindruckenden unternehmerischen Mut. Auch die Hamburger Arbeiter-Kolonie wurde 1898 als Heimat für Menschen gegründet, die sich aus eigener Kraft nicht helfen können. Und der Schäferhof hier in Appen wurde auf Kredit gekauft - ganz ähnlich wie das Kaiserswerther Diakonissenhaus. Unternehmerischer Mut wird auch heute in der Sozialbranche erwartet. In den ärmer werdenden Städten nimmt der Wettbewerbsdruck zu, weil die Kassen leer sind. Budgetierung, Qualitätsmanagement und Erfolgsquoten bringen allerdings die Gefahr mit sich, dass nun die Träger der Wohnungslosenhilfe genauso wie das Jobcenter zuerst auf die Klienten schauen, die das Potential haben, schnell aus den Hilfeangeboten herauszu finden.

Dabei zeigt sich: der selektive Blick, der Klientengruppen immer weiter voneinander trennt und alles nur an den Potentialen der Erfolgreichen misst, ist ein Problem in sich. Wer diesen Blick auf die Gewinner hat, wird immer auch Verlierer produzieren Dieser Wettbewerb trägt zur gesellschaftlichen Spreizung bei. Dabei wäre die umgekehrte Perspektive nötig: der Blick auf die Fähigkeiten jedes Einzelnen, der Abbau von Hemmnissen, die Konzentration auf fördernde Rahmenbedingungen. Denn je geringer die gesellschaftliche Ungleichheit, das zeigen Untersuchungen wie die von Wilkinson/Picket, desto geringer sind Kriminalität, Gewalt und psychische Erkrankungen in einer Gesellschaft. Desto geringer also die Langzeitkosten für Menschen, die sich ausgeschlossen und verlassen fühlen.

Wenn wir frühzeitig eingreifen wollen, brauchen wir eine Politik, die Bildungsgerechtigkeit und gleiche Zugänge zum Gesundheitswesen fördert. Wir brauchen den Ausbau so erfolgreicher Projekte der „ Sozialen Stadt“, die stattdessen leider zusammen gestrichen werden. Und wir brauchen einen neuen Blick auf den öffentlichen Raum. Dabei können wir durchaus von denen lernen, die die Parks und Plätze der Stadt so gut kennen wie andere ihre Wohnungen. Wenn ich in Hannover den „ Asphalt“ kaufe, dann habe ich oft das Gefühl, dass die Straßenzeitungen mit ihrer Perspektive wichtige gesellschaftliche und auch kommunalpolitische Einblicke ermöglichen. Auch die Idee, eine Straßenzeitung aufzulegen, die von Stefan Reimers
aus Hamburg kam, ist eine unternehmerische Initiative. Sie schafft kleine
Unternehmer und sie knüpft an bei der Solidarität der Bürgerinnen und Bürger. Das ist ein in jeder Hinsicht innovativer und Erfolg versprechender Weg: Es kommt darauf an, das klassische fachliche Hilfesystem mit Fachberatung und Streetwork, mit Anlaufstellen und Betreutem Wohnen für neue Initiativen aus der Bürgerschaft zu öffnen, nicht nur, weil die kommunalen Kassen leer sind, sondern auch, um der verstärkten Ausgrenzung zu begegnen.

In dem Pfarrhaus der 50er Jahre, in dem ich aufgewachsen bin, saßen oft und wie selbstverständlich so genannte Tippelbrüder und Durchreisende am Tisch in der Diele. Sie bekamen ein warmes Essen, Arbeit im Garten, einen Gutschein für den Lebensmittelladen, eine Bahnfahrkarte zum Weiterreisen. Das alles war möglich, weil es in der Kleinstadt Absprachen gab- zwischen Pfarramt, Bahnhofsvorsteher, Metzgerei und vielen anderen. Als ich selbst 1980 Gemeindepfarrerin wurde, war die Diskussion im Wesentlichen von der Frage bestimmt, ob man Geld geben sollte an der Tür oder gleich an die Notunterkunft verweisen. Angesichts der Spezialisierung und Ökonomisierung unserer Gesellschaft brauchen Gemeinde neue Ideen, um gemeinnützige Netzwerke zu knüpfen.

Aber Gott sei Dank gibt es sie - die kreativen Ideen aus der Zivilgesellschaft, die phantasievollen Projekte für die Ärmsten der Armen. Ich denke an die
Obdachlosenchöre – der erste, die Limburger Nebelkrähen“ erhielt vor 15 Jahren den Innovatio –Preis. Genauso wie die Ärztin Adelheid Franz, die mit der Malteser Migrantenmedizin in Berlin Menschen ohne Aufenthaltsstatus hilft. Sie hat ein dichtes Netzwerk aufgebaut – vom Entbindungsplatz bis zum Krankenhaus, von der Kinderkleiderkammer bis zur Flüchtlingsberatung – von ehrenamtlichen Ärzten, Juristen, Sozialarbeitern bis zu Freiwilligendiensten, um Untergetauchten, Illegalen und Flüchtlingen zu helfen. Fast 10.000 schwer kranke Menschen wurden dort in den letzten 6 Jahren behandelt. Ich denke an die Friseurinnung, die in der Vesperkirche in Konstanz – und nicht nur dort- kostenlose Haarschnitte anbietet. Und an die Zahnärzte, die mobile Gesundheitsbehandlung für Obdachlose organisiert haben.
Oder auch an „Reichtum 2“ , das Sozialhotel für Wohnungslose“ , das von der der Künstlerin Miria Kilali mitgestaltet wurde. Mit leuchtenden Farben, Fotos, Bilder in Goldrahmen –ein Ort, der Energie spendet und Menschen die Beklemmung der Armut nimmt. Und das nicht, weil die Kunden so zahlungskräftig sind – sondern einfach als Hommage an die Menschen, die seit langem nirgendwo mehr zu Hause waren.

In seinem Buch der „ Flexible Mensch“ spricht Richard Sennet von der seelischen „ Unbehausheit“ einer Gesellschaft, in der immer mehr Menschen Angst haben, ihre Mitte zu verlieren und abgehängt zu werden. Die Wohnungslosenhilfe hatte es schon immer mit solchen Erfahrungen der Entwurzelung zu tun – und auch mit Menschen, die sich nirgendwo einwurzeln konnten. Beheimatung ist deshalb ein zentrales Thema. Und es wird wichtiger in Zeiten der Globalisierung und der Lebensbrüche, der Migration und Flexibilität, die viele überfordern. Friedrich von Bodelschwingh, der Gründer von Bethel, kümmerte sich schon als deutscher Auslandspfarrer in Paris um die Migranten und Wanderarbeiter. Den Gedanken der Lebensgemeinschaft zwischen Gesunden und Kranken, der Bethel prägt, übertrug er schon bald auf die Arbeiterkolonien. Der Freiherr, der vier Kinder am Diphterie verloren hatte, hatte die Fähigkeit, sich auf Augenhöhe mit den Ärmsten der Armen zu sehen: „ Ich habe erfahren, wie hart Gott gegen Menschen sein kann,
und darüber bin ich barmherzig geworden gegen andere.“

Üblich ist es umgekehrt. „ Versetzen Sie sich doch gefälligst in die Lage dieser Herrschaften“, sagte die Restaurantbesitzerin zu dem Bettler, der vor dem Schaufenster ihres Nobelrestaurants sitzt. Und die Düsseldorfer Polizei ließ gleich die ganze Innenstadt räumen, um solches geschäftsschädigende Verhalten zu unterbinden. Die Franziskaner, die schon lange eine Suppenküche unterhielten, organisierten in der gleichen Woche eine Initiative der Kirchen und Wohlfahrtsverbände gegen diese neue Ordnungs- und Vertreibungspolitik. Dahinter stand die biblische Überzeugung, dass jeder Mensch Ebenbild Gottes ist, auch wenn er uns noch so erbärmlich oder unmenschlich erscheint. Kein Untermensch, kein Unberührbarer, kein Objekt, kein Bürger zweiter Klasse und auch mehr als ein Klient oder Kunde.

6. Woran uns der Bettler erinnert oder was sagt uns die Armut ?
Solange die Kirche lebt, werden wir darüber nachdenken, was wir tun können, um für Gerechtigkeit zu sorgen und zugleich die Kräfte zur Selbsthilfe zu stärken. Für Johann Wichern war der Sittenverfall die Hauptursache der Armut. In seiner sozialen Analyse spielten die globalen politischen Umwälzungen seiner Zeit keine zentrale Rolle: die Landreform, zunehmenden Industrialisierung, Gewerbefreiheit in Preußen. Armut und Verwahrlosung zu bekämpfen, das hieß für ihn: die Bereitschaft zur Arbeit
zu erhöhen, gegen Alkoholsucht zu kämpfen, Familien zu stärken, aber auch für bessere Wohnbedingungen zu sorgen. In unserer Sprache: es ging um
Wohnungsbau und Gesundheitsprogramme, um Sucht- und Familienberatung und Beschäftigungsfähigkeit. Und darum geht es bis heute. Deshalb müssen wir uns einmischen, wenn es um die Entwicklung des Arbeitsmarkts, über soziale Rechte und soziale Sicherung geht.

Ist Armut nun Sittenverfall, wie Wichern meinte? Ist sie nicht vielmehr das Ergebnis einer verfehlten Wirtschafts- und Sozialpolitik? Oder hat sie schließlich doch mit dem Verhalten des Einzelnen zu tun? „ Wer heute arm ist, gehört zu den Verworfenen“, schreibt Türcke 1998. „ Er hat seine Arbeitskraft nicht zu einem angemessenen Preis verkaufen können. Er ist so gut wie nichts wert. Er hat versagt“. Eine Sozialpolitik, die auf Eigenverantwortung und Wettbewerb setzt, ohne die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für Inklusion genügend zu berücksichtigen, wird zur
Demütigung. Wo aber Menschen gedemütigt sind, braucht es viel Phantasie und viele Schritte, um sie wieder aufzurichten. Eine Wohnung, eine Arbeitsgelegenheit, sicher, aber vor allem das Gefühl der Zugehörigkeit. Es braucht Menschen, die ihnen – unabhängig von ihrer Leistungskraft- auf Augenhöhe begegnen und ihnen etwas zutrauen. Menschen, die ihnen helfen, ihre eigene Stimme zum Klingen zu bringen und die eigene Würde wieder zu entdecken. Das zuallererst ist unsere Aufgabe als Christen.

Denn die Vorstellung, dass Armut Versagen ist, entspricht unserem Glauben nicht. Es gab lange Jahrhunderte, in denen für die Kirche das Gegenteil galt. Franz von Assisi, der reiche jungen Mann, der wirklich auf sein Erbe verzichtete, wie Jesus es den Gottsuchern empfohlen hat, sagte das so: „ Alle Brüder sollen bestrebt sein, der Demut und Armut unseres Herrn Jesus nachzufolgen. Und sie sollen sich freuen, wenn sie mit gewöhnlichen und verachteten Leuten verkehren. Mit Armen und Schwachen und Bettlern am Wege.“ Ist das eine Illusion – oder wirklich erfahrbar ? Ich glaube schon. Die Freude, die aufkam, als der Kölner Obdachlosenchor sang, erzählt davon.

Cornelia Coenen-Marx, Appen, 1.12.11